Nebenjobs: Die Akte Morgen"gold" - eine Warnung

Harmian

Fachteam "Forenquiz"
Mitglied seit
23.02.2009
Beiträge
1.450
Servus!

Ich möchte euch zum Thema Nebenjob eine interessante Geschichte erzählen, die sich bei mir in den letzten Tagen ereignete. Ich finde es abartig, dass solche Verträge überhaupt rechtskräftig sind.
Tragt ruhig eure Meinung dazu bei.
----

Also ...

Aktuell bin ich auf der Suche nach einem Nebenjob für mein Zweitstudium, das ich ab Herbst beginnen werde.
Als ich so durch die Zeitungen nach einem netten Jöbchen für nebenbei stöberte, stieß ich auf eine verheißungsvolle Anzeige.

"Frühaufsteher gesucht zur Belieferung unserer Kunden - ca. 950€ pro Monat! - 01xx/xxx xxx xx"

"Klingt ja zu schön um wahr zu sein. Wahrscheinlich so ne 'Abzock-Vertriebs-WolleEinbaukücheKaufeStandImAldiHabMasche', dachte ich mir. Aber was solls, versuchen wir es mal," dachte ich mir und rief da am selben Tag noch an.

Es meldete sich ein freundlich klingender Herr, der sich als Geschäftsführer einer Morgengoldfilliale vorstellte.

Morgengold beliefert Privathaushalte mit Backwaren in einem Abomodell.
Ich fragte an, ob die Stelle noch zu haben sei und der Herr meinte,"ja klar, kommen Sie einfach morgen um 10 bei unserem Versandcenter vorbei".

Das Versandcenter entpuppte sich als Container im Hinterhof einer örtlichen Bäckerei. Dort traf der Herr pünktlich ein und erklärte mir, wie der Job so abläuft.
Man erhält am Vortag eine Lieferliste, die fast immer gleich bleibt. Am Tag darauf trifft man um 04:30 bei dem Container ein und packt die Sachen in Tüten und fährt anschließend die Route ab. 2 1/2 Stunden dauert der Spaß maximal (das war sogar mal die Wahrheit).
Als ich ihn auf die 950€ ansprach, meinte er, es gäbe saisonale Schwankungen blablabla. Zudem wäre das Vertragsverhältnis für mich auf Basis einer Selbstständigkeit.

Scheinselbstständigkeit!

Er wolle aber nichts überstürzen, ich solle mir die Stelle mal ansehen und mal mit seiner Frau mitfahren, die meine zukünftige Route fährt.
Als ich dann mitfuhr, sah das ganze auch ganz nett aus. Straßen leer, ein wenig Frühsport und das Zeitlimit, bis alle beliefert sein sollten, war großzügig bemessen.

Nachteile soweit: Ich muss meinen eigenen PKW nutzen (!), ich muss im Falle von verschuldetem Fernbleiben (Krankheit zählt da auch dazu, später dazu mehr) einen Ersatzfahrer benennen (!!) und ich muss 7 Tage die Woche/362 Tage im Jahr ran - Ausnahme 25.12, 01.01, und Ostersonntag (!!!).

Da kam ich schon ins Grübeln, dachte mir aber, ich kann es ja mal so ein paar Wochen bis Beginn des Studiums machen und dann den Job canceln.

Doch dann kam alles anders...

als ich den "Vertrag" erhielt. Ein Vertrag, der sich nicht nur am Rande der Sittenwidrigkeit bewegt, sondern ganze 5 Schritte drüber.

Kurze Zusammenfassung:

Einkünfte aus Zustellung
Anhand bestehender Bestelllisten auf den Monat hochkalkuliert.

~500€.
brutto!
ohne abzüge Sozialversicherung, da (Schein)selbstständigkeit!
____________________________________
Erstattung Spritkosten

Erstattung pro gefahrenen Kilometer entspricht den tatsächlichen Spritkosten (zugegeben, ich war erstaunt).
Knackpunkt: Für die Heimfahrt gibts nur eine 5km pauschale (tatsächliche Distanz: 25km)

= Verlust Woche: 10€.
____________________________________
Kommen wir auf 450€ pro Monat.
Ziehen wir mal die nicht übernommene Krankenversicherung ab (repräsentativ)
Single, Barmer, 27 Jahre, 180€/Monat.

270€/Monat.

Mögliche Unfälle? Verschleiß am Auto? Sonstige Sozialleistungen?
Kann ich alles selber zahlen!

Btw: Ich habe hier immer noch den Bruttobetrag genommen. :burn:
____________________________________
Aber nun kommt das große Finale:
Abzockverträge sind eines, aber Vertragsstrafen was anderes.

Laut dem Vertrag muss ich pro Tag, an dem ich nicht arbeiten kann und kein anderer meine Route fährt 40€ (in Worten vierzig) an den Vertragspartner zahlen, unabhängig ob Beinbruch, Autounfall, Schlaganfall, Oma im Krankenhaus oder Guantanamo Surprise Urlaub.
Das gleiche gilt, wenn der Vertrag meinerseits (oder vom Arbeitsgeber aus ~wichtigen~ Gründen) fristlos gekündigt wird, hier ist das Limit aber großzügigerweise bei 27 Tagessätzen (1080€ !!!).

Selbstverständlich habe ich den Vertrag nicht unterschrieben.

Warum ich euch das mitgeteilt habe?
Lest immer eure Verträge durch bzw. wenn ihr euch damit nicht auskennt, fragt jemanden, der die Kenntnis hat!

Habt ihr schon mal ähnliche Verträge vorgesetzt bekommen?

FG

ein rumragender Harmian
 
Zuletzt bearbeitet:

Dolan

The man with the Devil Luck.
Mitglied seit
25.03.2007
Beiträge
3.463
Servus!

Aber nun kommt das große Finale:
Abzockverträge sind eines, aber Vertragsstrafen was anderes.

Laut dem Vertrag muss ich pro Tag, an dem ich nicht arbeiten kann und kein anderer meine Route fährt 40€ (in Worten vierzig) an den Vertragspartner zahlen, unabhängig ob Beinbruch, Autounfall, Schlaganfall, Oma im Krankenhaus oder Guantanamo Surprise Urlaub.
Das gleiche gilt, wenn der Vertrag meinerseits (oder vom Arbeitsgeber aus ~wichtigen~ Gründen) fristlos gekündigt wird, hier ist das Limit aber großzügigerweise bei 27 Tagessätzen (1080€ !!!).
Spätestens da, sollte der Fall eintreten, hätte ich geraten nicht zu zahlen und einen Anwalt nehmen. Jeder, der was von seinen Fach versteht, würde vor Gericht i.d.R. erfolg haben, was eine Anfechtung angeht. Das ist auch mehr als nur unseriös und ich kann nur zustimmen, dass man davon die Finger lassen soll, da dies ein paradebeispiel von Unseriösität und Sittenwidrigkeit ist, davon abgesehen, dass die Vertragsstrafen hier null und nichtig sind (da diese nur im begrenzten Umfang erlaubt sind).
 

Sawyer

Manaheld
Mitglied seit
08.11.2009
Beiträge
1.185
Das nennt man "Soziale" Marktwirtschaft.
Wenn Unternehmen keine humanen Konditionen anbieten kann, sollten sie dicht machen. Das solche "Geschäftsführer" immernoch gut einschlafen können...

Aber wenn das schon bei euch in Bayern so ist, will ich mir gar net ausmalen wie es hier in NRW ist o_O"
 

Doresh

Forenpuschel
Mitglied seit
04.02.2005
Beiträge
7.060
Und ich dachte, nur das Privatfernsehen benutzt Knebelverträge, die vor Gericht wohl nicht halten o_O
 

Yok

Hooded Hunter
Mitglied seit
09.04.2008
Beiträge
1.847
Kumpel von mir war mal inner Drückerkolonne. XD Die haben dem später auch gedroht und so. Als sie ihn dann mal zum Geldverdienen in einem kleinen Nest ausgesetzt haben, hat er dann einen Verwandten angerufen der ihn da abholt und sich danach nie wieder blicken lassen...
 

Ashura

Amazone und Meridian Child
Mitglied seit
19.09.2001
Beiträge
4.466
Das nennt man "Soziale" Marktwirtschaft.
Wenn Unternehmen keine humanen Konditionen anbieten kann, sollten sie dicht machen. Das solche "Geschäftsführer" immernoch gut einschlafen können...

Aber wenn das schon bei euch in Bayern so ist, will ich mir gar net ausmalen wie es hier in NRW ist o_O"
Was denkste wieso ich aus NRW weg bin? Was anderes wurde mir nichtmehr angeboten, seit ich nach dem Fachabi keinen Job fand. Da bin ich auch lieber ab nach Bayern und studiere in der Hoffnung, das ich dann sowas nichtmehr zu Gesicht bekommen werd.

Aber unterschreiben tu ich so einen wisch sicher nicht, sofern mich kein Amt mir im Nacken sitzt und mich dazu zwingt. Was hier in Deutschland ja leider n weiteres Problem ist.
 

Sawyer

Manaheld
Mitglied seit
08.11.2009
Beiträge
1.185
Nope, unzumutbare Arbeitsverträge muss ein Arbeitssuchendre nicht unterschreiben und dieser zählt ganz klar dazu.
 

Szadek

Cash or Octopus
Mitglied seit
15.06.2002
Beiträge
4.135
Ich befand mich mal in einem ähnlichen Arbeitsverhältnis aus Gründen die ich nicht näher benennen möchte. Es gibt leider Menschen bei denen es nicht schade ist, wenn sie morgen nicht mehr aufwachen würden.
 

Ashura

Amazone und Meridian Child
Mitglied seit
19.09.2001
Beiträge
4.466
Nope, unzumutbare Arbeitsverträge muss ein Arbeitssuchendre nicht unterschreiben und dieser zählt ganz klar dazu.
Nun, dann musst du halt laut Bestimmungen des Jobcenters bei dem ich damals gemeldet war mit Sanktionen rechnen, wenn du Stellen ausgeschlagen hast. Immer 10% weniger Hartz 4 ist nicht toll, wenn du eh schon fast nichts hast. Unzumutbar war ja angeblich keine der ausgeschlagenen Stellen, aber Fakten sehen anders aus.

Bei einigen Jobangeboten war ich echt froh, das die mich nich wollten und mir Absagen geschickt haben.
 

Ashura

Amazone und Meridian Child
Mitglied seit
19.09.2001
Beiträge
4.466
Leider ist das ne Hessische Rechtsprechung und in NRW hätte ich damals nichts damit erreicht...hätte ne bundesgerichtliche Sache sein müssen, netter Versuch.

Der Widerspruch wäre sicher abgelehnt worden wenn ich damit losgegangen wäre weil er nicht Bestandteil der NRWschen Verfassung ist und der Widerspruch wäre erstmal abgelehnt worden daher hätt ich dann infolge der Ablehnung direkt mit ner Klage loslegen müssen...viel zuviel Aufwand und ob´s jetzt soviel gebracht hätte sei mal dahingestellt.
 

Sawyer

Manaheld
Mitglied seit
08.11.2009
Beiträge
1.185
Ähm... meinst du das jetzt ernst? oO"
Deutschland ist nicht die USA, weißt du.

Wenn du begründest warum du Widerspruch einlegst und dich auf dieses Urteil berufst, müssen die schon sehr gut begründen können warum sie ablehnen.
Dieser Vertrag hier ist einfach nicht haltbar, allein schon weil man sich quasi selbstständig machen müsste. Ich würde dem Jobcenter eins Husten.

Aber gut, "unzumutbar" ist ja auch ein sehr relativer Begriff.
Ist immer eine Einzelfallentscheidung.
 
Zuletzt bearbeitet:

Doresh

Forenpuschel
Mitglied seit
04.02.2005
Beiträge
7.060
Ein Glück, dass ich in Hessen lebe XD

Aber wie sehe es mit "Job widerwillig annehmen und sich dann so inkompetent anstellen, dass man schnell wieder raus ist" aus?
 

Redwolf

Folge der 8 bei den Palmen!
Mitglied seit
14.02.2002
Beiträge
2.817
AFAIK wird man bei einem Jobcenter vom entsprechenden Arbeitgeber wo man untergekommen ist anschließend bewertet. Fällt also negativ auf einen zurück.
 

Vash

Hier könnte Ihre Werbung stehen
Teammitglied
SDC-Team
Mitglied seit
10.06.2004
Beiträge
1.864
Na und? Sollen sie mich doch schlecht bewerten, wen interessiert es? Ich hab den Job angenommen, also dürfen sie mir meine Bezüge nicht kürzen.
 

Ashura

Amazone und Meridian Child
Mitglied seit
19.09.2001
Beiträge
4.466
AFAIK wird man bei einem Jobcenter vom entsprechenden Arbeitgeber wo man untergekommen ist anschließend bewertet. Fällt also negativ auf einen zurück.
Darum. Als Hartzer sollte man also besser nehmen was man kriegt, sonst ruscht man in die Sozialhilfe, die nochmal weniger ist als das Hartz-4.

Wenn die einen als arbeitsunfähig im Jobcenter erkennen, ist man quasi erledigt.
 
OP
OP
Harmian

Harmian

Fachteam "Forenquiz"
Mitglied seit
23.02.2009
Beiträge
1.450
Der Auftraggeber hat sich btw. 4 Tage später gemeldet und macht auf dumm.

Auf die Kritikpunkte angesprochen wich er aus und meinte, dass die Merkmale einer Scheinselbstständigkeit nicht erfüllt seien. Mehr dazu auf Wunsch, wird aber eine ziemlich trockene Arbeitsgesetzgerumfummlerei.

Wen es interessiert. Ich habe mal eine kleine Berechnung angestellt, bei der ich nur wesentliche Posten, die ich ohne Recherche aufzählen konnte miteinberechnet habe. Mit Kenntnis aller Kosten und anteiligen Gewichtung wäre das Ganze noch viel ... unerfreulicher ausgefallen.
Anbei im .pdf. Da wird einem erst klar, was das für ein Beschtrug gewesen ist.



Erklärung Scheinselbstständigkeit:

Scheinselbständigkeit liegt vor, wenn eine erwerbstätige Person als selbständiger Unternehmer auftritt, obwohl sie von der Art ihrer Tätigkeit her Arbeitnehmer ist. Es wird ein Arbeitsverhältnis verschleiert und als Tätigkeit selbständiger Auftragnehmer deklariert, um die Abgaben, Restriktionen und Formalien zu vermeiden, die das Arbeitsrecht, Sozialversicherungsrecht und Steuerrecht mit sich bringen. Relevant ist dies insbesondere bei freien Mitarbeitern und Subunternehmern. Wikipediacopypasta

[offtopic]
Naja, nächsten Dienstag spreche ich für nen netten Bürojob für eine Finanzberatungsgesellschaft vor, die Kunden direkt am Standort berät. Kein Vertrieb und anteilige Provision. Mal schauen

[/offtopic]
 

Anhänge

Oben